Die neue Schwerlastrakete „New Glenn“ von Blue Origin


New Glenn ist eine in Entwicklung befindliche zweistufige Schwerlastrakete des amerikanischen Raumfahrtunternehmens Blue Origin. Diese wird zukünftig für unbemannte wie bemannte Missionen eingesetzt werden.

New Glenn ist nach John Glenn benannt, dem ersten US-amerikanischen Astronauten in einer Erdumlaufbahn.

Die New Glenn besteht derzeit aus zwei Stufen, eine dreistufige Variante ist aber in Planung. Die Erststufe soll nach dem Einsatz aufrecht landen können (propulsive landing) und 25-mal wiederverwendbar sein. Zunächst ist allerdings nur eine 12-fache Verwendung geplant.

Mit etwa 98 Metern Höhe und 7 Metern Durchmesser wäre bereits die zweistufige New Glenn eine der größten jemals gebauten Raketen.

Die Triebwerke für alle Stufen entwickelt Blue Origin selbst.

Die erste Stufe wird über sieben BE-4-Triebwerke mit insgesamt 16.800 kN Schub verfügen ( je BE-4-Triebwerk 2450 kN Schub). Als Treibstoff dient verflüssigtes Methan und als Oxidator Flüssigsauerstoff. Das BE-4-Triebwerk arbeitet mit sauerstoffreicher Verbrennung im Hauptstromverfahren (oxygen-rich staged combustion cycle), einer ursprünglich in Russland entwickelten Triebwerkstechnologie. Es ist auch als Motor für die neue Vulcan-Rakete der United Launch Alliance (ULA) vorgesehen, was zur Amortisierung der Entwicklungskosten beiträgt. Das BE-4-Triebwerk soll bis zu 100-mal wiederverwendbar sein.

Die erste Stufe von New Glenn ist wiederverwendbar und sollte ursprünglich mit dem Landeplattformschiff Jacklyn, das als schwimmende, bewegliche Landeplattform gedient hätte, im Atlantischen Ozean geborgen werden. Das hydrodynamisch stabilisierte Schiff hätte die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Bergung bei rauer See erhöht. Derzeit gibt es keine klaren Pläne für eine schiffsbasierte Bergung, da Jacklyn abgewrackt wurde und das Schiff nun zur Verschrottung verkauft wurde. Es ist aktuell noch nicht bekannt, was dies für die Wiederverwendbarkeit von New Glenn bedeutet. Blue Origin könnte einen Lastkahn verwenden, ähnlich wie SpaceX derzeit seine Booster zurückholt, aber dies könnte aufgrund seiner Größe möglicherweise kompliziert sein.

Die zweite Stufe erhält zwei BE-3U-Motoren, die mit flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff betrieben werden. Für die dritte Stufe ist ein einzelnes BE-3U vorgesehen. Es handelt sich dabei um eine Vakuum-Version des 490 kN starken BE-3-Triebwerks der Touristenrakete New Shepard.

Grafik der New Glenn Rakete. Grafik: Blue Origin

Die New Glenn hat eine Nutzlastkapazität von 13 Tonnen in den geostationären Transferorbit und 45 Tonnen in den niedrigen Erdorbit.

Mittels einer Doppelstartvorrichtung sollen zwei Nutzlasten übereinander transportiert werden können.

Blue Origin bemühte sich bereits im Jahr 2013 um eine Anmietung des Startkomplexes 39A am Kennedy Space Center (KSC) in Florida. Von dort starteten bereits die Apollo-Missionen zum Mond und die meisten Space-Shuttle-Flüge, das heißt, die Einrichtung ist schon für bemannte Missionen ausgelegt. Den Zuschlag erhielt jedoch der Konkurrent SpaceX. Daraufhin mietete Blue Origin die Startkomplexe LC-36 und LC-11 der benachbarten Cape Canaveral Air Force Station an.

Der Startkomplex 36 (Launch Complex 36, LC-36) befindet sich auf der Cape Canaveral Space Force Station, nur 14 km von der Raketenfabrik entfernt. Blue Origin investierte mehr als 1 Milliarde US-Dollar, um den Startplatz von Grund auf neu aufzubauen. LC-36 wurde 2021 fertiggestellt und ist der erste neu umgebaute Startkomplex seit den 1960er Jahren.

Der Komplex beherbergt die Startrampe von New Glenn, die Fahrzeugintegration, die Sanierung der ersten Stufe, Treibstoffanlagen und ein Umweltkontrollzentrum. LC-36 ist die ehemalige Heimat von mehr als 140 Atlas II/III-Starts, darunter die Mariner-, Pioneer- und Surveyor-Missionen.

Luftaufnahme des Startkomplex 36 (LC-36) mit der Startrampe für New Glenn, sowie weiteren Gebäuden. Foto: Blue Origin

Etwa 15 Kilometer nordwestlich, nahe dem KSC-Besucherzentrum, errichtete das Unternehmen eine 750.000 Quadratmeter große Fabrik für die Raketenfertigung. Neben der Fabrik entstehen auch das Missions-Kontrollzentrum und eine Anlage zur Wiederaufbereitung der Raketen-Erststufen. In Huntsville (Alabama) wurde eine Fabrik für die BE-4-Triebwerke gebaut.

Innenaufnahme der hochmodernen Fertigungsanlage von Blue Origin, die die Fertigungs-, Integrations- und Betriebsanlagen des Fahrzeugs sowie die New Glenn Mission Control beherbergt. Foto: Blue Origin

Am 21. Februar 2024 wurde die neue, wiederverwendbare Schwerlastrakete New Glenn erstmals zur Startrampe 36 (LC-36) in Cape Canaveral, Florida gebracht und dort aufgerichtet. Dort sind in den nächsten Wochen wichtige Tests vor dem Erstflug geplant, der noch dieses Jahr stattfinden soll.

New Glenn auf dem Startkomplex 36 (LC-36) für verschiedene Tests. Foto: Blue Origin

„Die Testkampagne ermöglicht es unseren Teams, die Raketenintegration, den Transport, die Bodenunterstützung und die Startvorgänge zu üben, zu validieren und ihre Fähigkeiten zu verbessern“, teilte die Raumfahrtfirma des Amazon-Gründers Jeff Bezos in einer Pressemitteilung mit. Zu den Tests gehört unter anderem die Betankung mit kryogenen Treibstoffen. Die Triebwerke werden jedoch auf der Startrampe nicht gezündet. Sie durchlaufen gesonderte Heißlauftests auf dem historischen Prüfstand 4670 in Huntsville und auf der Launch Site One in West Texas.